Immer wieder wurde versucht, einen Ursprungsort der Tätowierung zu
finden. Wegen der vielfältigen und über den ganzen Erdball verstreuten
Hinweise kann davon ausgegangen werden, dass sich die Sitte
des Tätowierens bei den verschiedenen Völkern der Erde selbständig und
unabhängig voneinander entwickelt hat. Die ältesten Belege von
Tätowierungen stammen aus Südamerika und Europa. Im Norden Chiles
wurden 7000 Jahre alte Mumien gefunden, die Tätowierungen an Händen und
Füßen aufwiesen. Die Gletscher-Mumie Ötzi
trug vor über 5000 Jahren mehrere Zeichen, die mit Nadeln unter die
Haut gebracht worden waren. Besonders aufwändige und großflächige
Tätowierungen sind von den eisenzeitlichenSkythen, einem Reitervolk der russischen Steppe und des Kaukasus und aus der Pazyryk-Kultur im Altai
bekannt. Dies scheint die häufige vertretene These zu widerlegen, dass
die Sitte des Tätowierens ursprünglich aus Südwestasien stamme, sich
von dort über Ägypten nach Polynesien und Australien ausgebreitet habe und schließlich nach Nord- und Südamerika weitergetragen wurde. In seiner rituellen Bedeutung ist es in Mikronesien, Polynesien, bei indigenen Bevölkerungen und z. B. auch den Ainu und den Yakuza (Japan) verbreitet.
Das Alte Testament verbietet die Tätowierung, wohl wegen der Verbindung mit dem Atargatis-Kult. „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,28). Tätowierungen waren jedoch bei einigen frühchristlichen Sekten üblich[1].
Nach Strabo (Geographica) tätowierten sich die Carni, ein keltischer Stamm der österreichischen Alpen. Laut Herodian (III, 14) tätowierten sich auch die Thraker.
Bei den Ureinwohnern Amerikas, Afrikas und Asiens sind Piercings in
den Ohrläppchen, den Nasenflügeln und der Nasenscheidewand, den Lippen
und den Genitalien überliefert. Der Schmuck dieser Kulturen wurde aus
Holz, Quarz, Perlmutt, Ton, Horn und Knochen und einfachen Metallen
gefertigt. Erste Ohrlöcher sind in Ägypten etwa 1550 v. Chr.
nachweisbar. Die Totenmaske des altägyptischen Pharao Tutanchamun zeigt diesen mit geweiteten Ohrlöchern. Auch bei Buddha-Statuen oder Relikten der Azteken werden vergrößerte Ohrlöcher dargestellt.
Überlieferte Steinskulpturen der Olmeken
zeugen von gedehnten Ohrlöchern. Weiterhin sind Ohrlöcher,
Lippenpflöcke und Septumschmuck von mittelamerikanischen Völkern wie
den Purépecha, den Zapoteken und den Azteken bekannt.[1]
Bei den Mursi im Süden Äthiopiens gehören durchstochene oder eingeschnittene und besonders weit gedehnte Piercings in den Lippen und Ohrläppchen zum Schönheitsideal, man spricht hierbei von Tellerlippen.
Je größer der Teller ist, desto mehr Ansehen gilt der Frau. Heute dient
der ausgefallene Schmuck auch bewusst als Touristenattraktion [2]. In Indien tragen viele Frauen traditionell Stecker in den Ohrläppchen und dem Nasenflügel. Gemäß dem hinduistischen Glauben werden Kindern im Rahmen des Karnavedha-Rituals Ohrlöcher gestochen, um sie vor Krankheiten zu schützen.
Für Europa existieren nur wenige Hinweise auf frühere
Piercingtraditionen. Zu den wenigen überlieferten Relikten zählt eine
etwa 2600 Jahre alte keltische Bronzemaske aus der Hallstattzeit die beidseitige Ohrlöcher aufweist.
In Rom und Griechenland dagegen galt der unversehrte Körper als Schönheitsideal. Piercings wurden daher nur praktiziert um Barbaren zu bestrafen und als Keuschheitsmaßnahme. Schauspielern und Sängern wurden Intimpiercings eingesetzt um Masturbation zu unterbinden. Zudem wurden vermutlich in Rom Vorhautpiercings an zwei Stellen gestochen und Bronzeringe eingesetzt um sexuelle Übergriffe auf Frauen zu verhindern.[1]